Nachruf Ascher Ben-Shmuel
1934 – 2026
Ascher Ben-Shmuel war schon weit über 60, als er im Jahr 2000, zusammen mit Shlomit und Micha Gross, das Bauhaus-Center in Tel Aviv ins Leben rief. Er hatte ein bewegtes und erfolgreiches Leben hinter sich, hatte Medizin studiert, eine Familie gegründet und, wiederum zusammen mit Micha Gross, das erste private Schlaflabor der Stadt Zürich eröffnet. Doch nun sollte etwas Neues entstehen ein Zentrum mitten in Tel Aviv, in dem die Ideen des 1919 von Walter Gropius geschaffenen und 1933 auf Druck der Nationalsozialisten geschlossenen Bauhauses weiterlebten und das Andenken an die aus Europa geflohenen Pioniere des Neuen Bauens gepflegt wurde. Dieser Aufgabe widmete sich Ascher Ben-Shmuel in den letzten Jahren seines Lebens mit grosser Hingabe. Es ist nicht zuletzt dem Wirken des Bauhaus Center zu verdanken, dass Tel Avis mehr als 4000 Gebäude umfassender Schatz an Bauhaus-Architektur bewahrt, renoviert und schliesslich im Jahr 2003 als Weltkulturerbe anerkannt wurde.
Natürlich ging es Ascher Ben-Shmuel bei diesem Engagement in erster Linie darum, Tel Avivs architektonische Bedeutung über die Grenzen Israels hinaus bekannt zu machen. Er hat sich zweifellos aber im Schicksal jener Bauhaus-Künstler auch ganz persönlich wiedererkannt, die der Verfolgung durch den Nationalsozialismus entkommen waren und in Eretz Israel eine neue Heimat und ein neues Betätigungsfeld gefunden hatten. Denn auch er war kein gebürtiger Israeli. 1934 in Temeswar, dem heute rumänischen Timişoara, geboren, war der junge Ascher Fogel, wie er damals noch hiess, nach dem Krieg ohne seine Eltern Richtung Palästina aufgebrochen, wo er wie so viele vor und nach ihm von den Briten zurückgewiesen und für neun Monate in ein Internierungslager auf Zypern verbracht wurde. Erst 1948 gelang ihm schliesslich die Einreise in das Land, das ihm Heimat werden sollte.
Nach dem Besuch der Landwirtschaftsschule «Mikwe Israel» in der Nähe von Tel Aviv, dem Einsatz als Feldweibel im Suez-Krieg von 1956 und einigen Abstechern in die Gebiete Agronomie, Politologie und Musikwissenschaft wandte er sich schliesslich dem Studium der Medizin zu. Ein Stipendium der Universität Kiel brachte ihn zurück nach Europa. Die Begegnung mit der jungen Zürcherin Judith Kimche, seiner späteren Ehefrau und Mutter seiner drei Kinder, führte ihn in die Schweiz, wo er seine Ausbildung zum Neurologen abschloss und sich als Arzt mit eigener Praxis in Zürich niederliess.
Ascher Ben-Shmuel war mit Leib und Seele Arzt, ein ausgezeichneter Neurologe, der sich mit Empathie und hohem Sachverstand der Nöte seiner Patientinnen und Patienten annahm. Was ihn darüber hinaus auszeichnete, waren sein feiner Humor und sein Sinn für Ironie, die ihm Distanz zu den Dingen verschaffte und auch noch dem Schwersten einen Hauch von Leichtigkeit verlieh. Und mit menschlichem Leid war er nicht nur in seinem beruflichen Alltag, sondern auch in seinem eigenen Leben konfrontiert. Auch wenn er kaum je darüber sprach, die Zeit des Krieges, die Reise
aus dem kriegsversehrten Europa ins ferne Palästina sowie später das Scheitern seiner Ehe und der viel zu frühe Tod seiner zwei Töchter müssen ihn tief geprägt haben. Wie es ihm gelang, bei all den Schicksalsschlägen die ihm eigene Heiterkeit zu bewahren, wird für immer sein Geheimnis bleiben.
Geholfen hat ihm dabei mit Sicherheit seine unerschütterliche Liebe zu den Menschen: zu den ihm anvertrauten Patientinnen und Patienten, vor allem aber zu seinem Sohn Joav, seinen drei Enkeln Adam, Jaron und Dan und vor allem zu Ruth Luks, der Gefährtin seiner späten Jahre. Durch Ruthi fand er noch einmal eine neue, grosse Familie, seine Enkel gaben ihm Hoffnung für die Zukunft.
Auch wenn Krankheiten seine letzten Lebensjahre begleiteten, verlor Ascher Ben-Shmuel nie sein waches Interesse an seiner Umwelt, an seinen Mitmenschen, an der Politik, vorab jener seiner Heimat Israel, die ihn mit wachsender Sorge erfüllte. Gleichwohl blieb er dem Land in unverbrüchlicher Treue verbunden. Es war ein weiter Weg gewesen aus dem religiös geprägten osteuropäischen Elternhaus in jene säkular-aufgeklärte Welt westlicher Kultur und Wissenschaft, die seinen beruflichen wie persönlichen Lebensweg bestimmte. Dass er dabei nie seinen inneren Kompass verlor, verdankt sich zweifellos seiner Verankerung im Judentum, das er lebte, auch wenn er nicht mehr im strengen Sinn religiös war. Er sammelte Judaica und Werke israelischer Künstler und unterstützte gemeinnützige Organisationen wie z.B. den Magen David Adom. Er liebte es aber auch, seine nicht-jüdischen Freunde in der Schweiz auf gemeinsamen Reisen oder bei seinen legendären Seder-Abenden mit der Schönheit jüdischer Traditionen vertraut zu machen. Wenn er ein besonders seltenes Stück seiner Judaica-Sammlung herzeigte, wenn er Szenen aus Chagalls Bibel-Illustrationen erläuterte oder eine neue Ausstellung im Bauhaus-Center in Tel Aviv ankündigte, dann leuchteten seine Augen, und man spürte, wo sein Herz zuhause war.
Klara Obermülle



